Hyperrealismus Künstler

Kritiker beurteilen die Arbeiten von Ian Gray bisweilen als zu einfach, zu simpel und im besten Fall nur bedingt als künstlerische Darstellungen. Doch Gray hält dagegen: "Für mich hat Kunst etwas mit Kreativität zu tun, mit Ideen und deren Umsetzung. Handwerklich und künstlerisch. Nichts anderes mache ich. Klar, stellen meine Whisky-Bilder nicht die ganz große Kunst dar, die einmal Rekordpreise bei Sotheby's erzielen wird. Aber sie finden großen Anklang und mein Auftragsbuch ist gut gefüllt." Der ursprünglich aus Hamilton stammende und in Edinburgh aufgewachsene Schotte, dessen Familie bereits kreative Grundlagen bildete, interessierte sich schon früh für Fotografie. Seine Ausbildung begann er jedoch zunächst in Falkirk im Grafik-Design. 1989 siedelte er über nach Deutschland, studierte an der dortigen Ruhr-Universität und kam schließlich nach Düsseldorf, wo er auch heute noch sein Studio und Atelier hat.

"Hyperrealismus nenne ich meinen Bildstil, der sich deutlich vom Fotorealismus unterscheidet." Ian Gray benutzt Fotografien als Basis und bearbeitet diese nach. Allerdings nicht, wie man erwarten könnte, mit Hilfe eines vermeintlich intelligenten Computerprogramms, das  Verfremdungen in jeder nur denkbaren Stilrichtung durch Mausklick ermöglicht. Ian druckt seine Ursprungsbildmotive aus, meist auf hochwertiger Leinwand, und benutzt anschließend Pinsel und Schaber, um Farbe, Tusche, Acryl oder Öl aufzutragen und das Motiv auf diese Weise gezielt zu akzentuieren, um bestimmte Bildpartien zu überhöhen, Stimmungen zu dramatisieren und eine ganz spezielle Atmosphäre zu erzeugen. "Das Bild bekommt so eine ganz neue Tiefe." Eine Tiefe, die der Wahl-Düsseldorfer bei der digitalen Fotografie sehnlichst vermisst.

Das Ergebnis der ersten Überarbeitung wird unter Umständen nochmals reproduziert und erneut bearbeitet, bevor es zum lichtechten Ausdruck auf edlem Büttenpapier kommt. Ians Erfolgsgeschichte klingt ein wenig nach schönem Märchen, denn es ist dem einen und anderen glücklichen Zufall zu verdanken, dass er mit seinen Bildern so gut im Geschäft ist. Vor gut 20 Jahren befand er sich auf einer Camping-Tour auf der Insel Islay, denn auch sein Faible für Whisky kann Ian nicht verleugnen. Dort fertigte er Zeichnungen und Gemälde von der Ardbeg Destillerie und deren unmittelbarer Umgebung an. Präsentiert in einer kleinen Ausstellung, wurden plötzlich auch andere Brennereien auf die Bildmotive aufmerksam, deren Tenor und Aussage geradezu perfekt zur Außendarstellung von Whisky und dessen Produktion geeignet schien.

"Da kam der Stein ins Rollen", erzählt Ian in sehr gutem Deutsch mit typisch schottischem Akzent, "seither mache ich beinahe nichts anderes mehr, als in und um Destillerien abzuhängen und gleich zur Nächsten eingeladen zu werden." Und längst ist es nicht mehr nur Islay, obwohl zugegebenermaßen sein Lieblingseiland, sondern auch die japanische und amerikanische Whiskyindustrie zeigte ihr Interesse und beauftragte den Schotten für Arbeiten u.a. zur Ausgestaltung repräsentativer Räumlichkeiten. Grays Bilder schufen und schaffen stilsicher ein spezielles, gern gesehenes warmes, ein wenig romantisierendes, aber gleichzeitig exklusives Image für Whisky. Keine Whisky-Messe in Europa oder Übersee kommt noch ohne seine Werke aus.

Manchmal verbringt er viele Stunden und Tage an ein und demselben Ort, um auf das beste Licht, die beste Stimmung, die dichteste Atmosphäre zu warten und diese aufzunehmen. Gerühmt wird seine Fähigkeit, ausgezeichnet mit Licht umzugehen und dies perfekt widergeben zu können. Das gilt sowohl für seine Landschafts- und Stimmungsbilder als auch für seine Stillleben und Brennereidetails, die er allesamt hervorragend zu inszenieren vermag. Doch Ian Gray produziert nicht immer nur dasselbe, um seinen Markt und seine Auftraggeber zu befriedigen. Als Künstler für die anspruchslose Masse abgestempelt zu werden, wäre ihm ein Gräuel, auch wenn gerade sein Stil eine ungeheuer große Schar von Anhängern hinter sich vereint. So experimentiert er mit alten fotografischen Emulsionen und spannenden Entwicklungs- und Belichtungstechniken herum, die zu erstaunlichen Resultaten führen.

Wie z.B. den Portraits in der Flasche. Für diese zeitaufwändige Beschäftigung findet er indes nur wenig Muße. Und ein großes Ziel verfolgt er darüber hinaus auch noch. Den Besuch in der Produktionsstätte von Irn Bru, seinem absoluten Lieblingsgetränk, das er gleich palettenweise von seinen Besuchen in der Heimat mit nach Düsseldorf bringt. Und aus den leeren Dosen dann schon mal eine ansehnliche Skulptur kreiert.

Rubrik
Kunst, Expertenteam
Artikel Info
Autor:  Udo Haafke
Datum: 23.November 2012