„Man tritt vor die Tür und steht in der Mitte vom Nirgendwo!“ vermerkte einst ein Besucher im Gästebuch des Garvault House Hotels. Passenderweise hängt über just jener Pforte eine Tafel, die den Umstand noch bestätigt: Großbritanniens abgelegenstes Hotel. Und dennoch wird ein jeder, der den Weg hierhin findet, unwillkürlich in den mystischen Bann dieses eigentümlichen Szenarios gezogen. Jener Gast nämlich brachte mit seinen Worten die besondere Faszination des Ortes, der er selbst erlegen war, zum Ausdruck.
Als Garvault House um 1900 als privates Jagdhaus errichtet wurde, verschwendete die Menschheit noch kaum Gedanken an Umwelt- oder Naturschutz, geschweige an den noch unbekannten und heute von manchem Zeitgenossen gar verpönten Begriff Klimawandel. So war den Erbauern zwar klar, dass ihr Haus inmitten einer vermeintlichen landschaftlichen Ödnis lag, inmitten unendlicher Torfmoore, durchzogen von kleinen Wasserläufen und winzigen Teichen mit einigen markanten Hügeln darum herum, bevölkert von Rotwild und einer beeindruckend vielfältigen Vogelwelt. Aber dass es sich um ein auf dem Erdenrund einzigartiges Gebiet handelt, wurde selbst manchem Schotten erst bewusst, als es die UNESCO im Sommer 2024 in den Status einer Weltnaturerbestätte erhob. Seither genießt das Flow Country im hohen Norden der britischen Insel ungewohnte Aufmerksamkeit als bedeutungsvolles Ökosystem und überaus spannende, mithin erst auf den zweiten Blick wirklich erkennbare Facette des Hochlandes.


Trotz der nicht nur sprichwörtlichen, sondern auch hautnah fühlbaren Abgeschiedenheit des Hauses brilliert Garvault House durch einen typisch britischen, mithin leicht exzentrischen Charakter, den populäre Schriftsteller jeglichen Genres kaum besser hätten umschreiben können, um ihn sogleich als atmosphärisch dichte Location für mancherlei Geschehnis zu nutzen. Nein, man braucht hier keine Angst zu haben, sollte sich vielmehr auf die besondere Gelassenheit und Aura einlassen, die die Besitzer, die gebürtige Österreicherin Eva und ihr schottischer Partner Adrian Aderyn, kreierten und die die wunderbar, leicht ins Chaotische abgleitende Einrichtung und beinahe liebevoll unaufgeräumt wirkende Dekoration widerspiegeln. Das ist überhaupt nicht negativ gemeint; im Gegenteil: es fühlt sich eher an wie ein Nach-Hause-Kommen in die gute Stube.


Da stehen dicke alte Bücher im Regal, lassen plüschige Ohrensessel vermuten, ihren mächtigen Polstern nicht mehr entfliehen zu können, warten Schachfiguren geduldig auf ihren Einsatz, ziehen leicht vergilbende Familienfotos die Blicke auf sich, erzählen ihre Geschichten. Nur der große TV-Bildschirm fehlt. Vermisst wird die Flimmerkiste indes nicht, die Fenster bieten stets beste Unterhaltung. Am Tag mit stetem Wechsel vorbeiziehender, beeindruckender Wolkenformationen und imposanten Regenbögen, des Nachts mit einem unvorstellbar, fast greifbar nahen Sternenhimmel und gern auch einem eindrucksvollen Nordlicht-Schauspiel. Unbedingt erwähnenswert aber auch das schwere, große Buch mit dem leicht zerfledderten Einband gleich neben dem Eingang, das sich als Logbuch aus den 1940er Jahren herausstellt und Eintragungen der anwesenden Fischer enthält als Garvault als Angler-Lodge diente.


Unterstrichen wird das ganze Ambiente noch durch die Anwesenheit von Ollie Hofer. Ein Österreicher, der sich schockverliebte und zum allgegenwärtigen Faktotum, zum guten Geist des Garvault House mutierte. Alle Hausgäste hängen an seinen Lippen und lauschen den redegewandten Erzählungen manch einer skurrilen Anekdote, aber auch seinen Plänen für die anstehenden Mahlzeiten, die, von Ollie kreativ und bodenständig inszeniert und zubereitet, von allen Gästen gemeinsam am großen Tisch im Esszimmer eingenommen werden. Das mächtige Möbel mit der Marmorplatte stammt aus der Zeit um 1900 und stand einst im legendären Wiener Café Mozart, könnte seinerseits manch Geschichte zum Besten geben. Bei einem Dram oder einem Pint lokalen Biers erzählt Ollie an der Theke der kleinen Hausbar von der Nachhaltigkeit Garvaults, von der eigenen Energieversorgung und schwankender Internetverbindung, auf die man eigentlich getrost verzichten kann.


Die vermeintlich eintönige, beim Vorbeifahren beinahe langweilig wirkende Landschaft draußen vor der Tür entwickelt ihre ganz eigene Magie, scheint permanent mit jedem Sonnenstrahl ihre Farbe zu verändern, sich immer neu zu erfinden. Und tatsächlich findet sich auf dem kurzen, eigens angelegten Erkundungspfad rund um den wenige Kilometer entfernten und nahe bei der Bahnstation Forsinard, mit kleiner Flow Country Ausstellung, gelegenen »Flows Lookout«, einem hölzernen Aussichtsturm, der wie ein Baumstumpf aus der Fläche herausragt, eine schier atemberaubende, vor allen Dingen pflanzliche Vielfalt. Denn das Leben in dieser auf der Welt nahezu einzigartigen und Europas größten Hochmoorlandschaft zwischen den markanten Hügeln ist erst im Detail erkennbar, in Form einer überwiegend endemischen Flora aus teils fleischfressenden, aus der Nähe betrachtet faszinierenden Pflanzen, Gräsern und speziell Moosen, die auf dem gigantischen CO²-Speicher wachsen.
„Von hier oben erkennst Du sehr gut den Charakter dieser Landschaft, die zu jeder Jahreszeit toll aussieht.“ Professor Roxanne Anderson doziert auf der Aussichtsplattform des Lookout überaus enthusiastisch über das Flow Country, den langen bürokratischen Weg bis hin zur UNESCO-Auszeichnung, es dauerte letzten Endes bald 40 Jahre, und ihre ganz eigene Begeisterung für die ob ihrer Ödnis ehedem gern, irgendwie wohl auch glücklicherweise ignorierte Region. „Wasserflächen wechseln sich ab mit Bachläufen und moorigem Areal, bilden optisch einen kleinteiligen Flickenteppich, der permanenter Veränderung unterworfen ist, aber sich mit dem wechselhaften Klima zu arrangieren gelernt hat. Ideal für viele Pflanzenarten und Insekten, Amphibien und Vögel.“ Torfabbau zur Energiegewinnung, zum Verfeuern im Kamin, darf hier nicht mehr betrieben werden. An einigen Stellen, so bei der alten Brücke am Crask Inn weiter westlich von hier, lässt sich dies noch exemplarisch nachvollziehen.


„Und die Nadelwälder, die man verschiedentlich in der Ferne erkennen kann, stammen aus der Epoche, als man begann die Moore trocken zu legen und versuchte sie für die Land- und Forstwirtschaft urbar zu machen. Dieser Versuch schlug glücklicherweise fehl. Man erkannte plötzlich den unschätzbaren ökologischen Wert der meterdicken Moorschichten, die immense Mengen an Kohlendioxid zu binden vermögen. Wieviel genau, darüber lässt sich nur spekulieren.“ So werden die noch bestehenden Wälder nach und nach wieder abgeholzt, um die Ursprünglichkeit des seit der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren gewachsenen Ökosystems Flow Country wiederherzustellen. Einige, wenige Wanderwege durchziehen diese bemerkenswerte baum- wie strauchlose Region von Caithness und Sutherland, während Info-Tafeln über ihre faszinierenden Eigenschaften Auskunft geben.
Zusätzliche Informationen
- Link zur Webseite über das Flow Country
- Link zur Webseite vom Garvault House
Fotocredits: Udo Haafke