The Caledonian - Edinburghs gelebte Tradition

Wenn im kommenden Frühjahr das niederländische Eisenbahnunternehmen Abellio den Betrieb der schottischen Eisenbahnen übernimmt, dann erscheint dies ein wenig wie das Ende einer ruhmreichen Ära. Letztlich bleibt es jedoch nur ein Nachweis globalen Wettbewerbs in Verbindung mit wirtschaftlichen Erwägungen und schlichten Kosten-Nutzen Rechnungen. Der Glanz der Eisenbahn als High-Tech Transportmittel, so wie er zur vorletzten Jahrhundertwende auf der britischen Insel seine strahlende Blütezeit erlebte, ist sowieso längst verblasst und nüchterner Zweckmäßigkeit gewichen.

Gleichwohl sind in den Städten viele architektonische Sinnbilder erhalten, in denen die glorreichen Zeiten fortbestehen. Seien es die eindrucksvollen Bahnhofsgebäude oder die angrenzenden, noch prunkvolleren Bahnhofshotels, die der feinen Gesellschaft als repräsentative, prestigeträchtige Unterkunft dienten.

Das Caledonian Hotel, mittlerweile geführt unter der exklusiven Luxus-Marke Waldorf Astoria, am Westende der Princes Street Gardens von Edinburgh und unterhalb des mächtigen Castles gelegen, ist ein prächtiges Beispiel, das der Tradition von Bahnhof und integrierter, stilvoller Nobelherberge folgt. Des Bahnanschlusses schon seit Jahrzehnten beraubt passiert heute die Edinburgher Tram die typische hochherrschaftliche, schmale Fassadenfront aus rotem Sandstein im viktorianischen Stil, durch die dereinst die Reisenden mal hastig, mal entspannt strömten.

Die alte Bahnhofsuhr, fein säuberlich restauriert, tickt zuverlässig und geht, so wie früher und an ihrem angestammten Platz, fünf Minuten vor. Ein hilfreicher Kniff, um das Verpassen eines Zuges möglichst auszuschließen. Der schwere Chronometer ziert heute auf Augenhöhe eine Wand der Peacock Alley, des populären, lichtdurchfluteten Lounge- und Barbereiches des Hotels, der gerne von den Gästen als Treffpunkt genutzt wird, zum Studieren aktueller Tageszeitungen, zur Vor- oder Nachbereitung von Business-Meetings oder zum Relaxen.

Bei einer Führung durchs Haus erfährt man erstaunt, dass gerade hier die Bahnsteige der früheren Princes Street Station endeten, dass hier höchst geschäftiges Treiben war, die Züge der Caledonian Railway Company rauchend und zischend an- und abfuhren. Speziell die Royals dieser Zeit bevorzugten diesen Bahnhof. Es bedarf etwas Phantasie, sich das Mobiliar der eleganten hellen Lounge wegzudenken und vorzustellen, wie das ausgesehen haben könnte. Hier helfen alte Zeichnungen und Pläne, einige historische Fotos, die gerahmt in den Fluren und Gängen hängen und ein wenig Licht ins Dunkel bringen.

Die Uhr hing wesentlich höher und damit weithin sichtbar über der eher düster wirkenden überdachten Bahnhofshalle, die Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts mit der erbarmungslosen Abrissbirne Bekanntschaft machen musste. Nach der Verstaatlichung der Bahngesellschaften 1948 verlor Princes Street Station an Bedeutung, der letzte Zug verließ den illustren Schienenstrang im Herbst 1965.

Rubrik
TopScot, Luxus
Artikel Info
Autor:  Udo Haafke
Datum: 03.Juni 2015