Straßenbahn Glasgow

Am 4. September jährte sich zum 50. Mal die letzte Fahrt einer Straßenbahn über das Schienennetz der größten Stadt Schottlands. Mit einer spektakulären Prozession vieler Fahrzeuge vor einer enthusiastischen Glasgower Menschenmenge nahm die Ära des beliebten innerstädtischen öffentlichen Schienennahverkehrs in Großbritannien ihr Ende. Lediglich an der Seepromenade von Blackpool in Lancashire verkehren noch heute die ungewöhnlichen, doppelstöckigen teils auch offenen Trams und veredeln das Ambiente des nordenglischen Badeortes. Die in Edinburgh beabsichtigte Renaissance der Straßenbahn steht aus den unterschiedlichsten Gründen leider unter einem unglücklichen Stern und vermutlich wird nur das noch lange nicht absehbare Ende der Baustellen ähnlich fanatisch gefeiert werden.

Ein Grund für die insgesamt 90-jährige Erfolgsgeschichte der Glasgower Straßenbahn lag neben ihrer Zuverlässigkeit und ungewöhnlich hohen Taktfrequenz auf den Strecken, die bis nach Paisley, Clydebank und Airdrie reichten, wohl in der Tatsache, dass in den Coplawhill Car Works am Ort eigene Fahrzeuge in individuellem Design hergestellt wurden und damit auch zuverlässig Ersatzlieferungen garantiert waren. Als Star dieser Produktion galt der Doppelstockwagen Coronation Mark I. Ein solches Exemplar aus dem Jahr 1937 kann nun wieder im Riverside Museum besichtigt und erklommen werden, leider gibt es hier keine Strecke, auf der sie noch fahren könnte. Hierfür wäre eine Reise ins National Tramway Museum nach Crich/Derbyshire notwendig. Die Coronation, die erstmals 1938 zur Empire Exhibition im Bellahouston Park verkehrte, überzeugte durch ihre luxuriöse Ausstattung mit Ledersitzen und einem Interieur mit zahlreichen Jugendstilelementen.

So mancher Glaswegian wartete einen Moment länger an der Haltestelle, wenn eine Coronation als Nächste kommen würde. Während die meisten Fahrzeuge nach 1962 dem Schneidbrenner zum Opfer fielen, exportierten die Schotten auch eine erkleckliche Anzahl davon in die britische Kronkolonie Hongkong, wo sie ebenfalls heute noch zu sehen sind. Andere überführte man ins ehemalige Transport Museum von Kelvinbridge, die heute im Riverside Museum ausgestellt sind. Zum Glasgow Garden Festival 1988 fuhren dann tatsächlich noch einmal einige Bahnen, Leihgaben aus Crich, über das Ausstellungsgelände am Clyde. Der Duke of Edinburgh wagte sich bei dieser Gelegenheit auch an Bord und war derart angetan, dass er in seiner bekannt kernigen Art die Frage stellte, warum um Himmels Willen man diese tollen Transportmittel bloß abgeschafft hätte. Ja, warum eigentlich?

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Attraktionen
Artikel Info
Autor:  Udo Haafke
Datum: 22.Oktober 2012