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Jahresrückblick Schottland

Eines der ereignisreichsten Jahre in der Geschichte Schottlands neigt sich dem Ende entgegen und das Land wird mit dem Kulinarischen 2015, so das ausgegebene Motto für das kommende Jahr, Gelegenheit bekommen zu entspannen, durchzuatmen und sich nach allen, auch den einschneidenden Ereignissen neu zu ordnen.

Alles begann in 2014 ganz traditionell: kaum waren die letzten Feuerwerkskörper der Edinburgher Silvesterfeier abgebrannt, die letzten Whiskyflaschen geleert, da wagten sich schon die ersten Unerschrockenen beim Loony Dook unterhalb der ikonischen Eisenbahnbrücke über den Firth of Forth in die frostigen Fluten des Meeresarms bei South Queensferry, um den Beginn des neuen Jahres gebührend zu begehen, während hoch im Norden die Uppies und die Doonies sich in den Straßen von Kirkwall auf Orkney um den schwergewichtigen Ba balgten. Mitte des Monats begingen dann die Celtic Connections ihre Volljährigkeit und die schottische und internationale Folkmusikszene feierte sich so fulminant wie selten zuvor und schaffte sogar durch die Teilnahme der Violinistin Nicola Benedettis den Sprung ins klassische Genre.

Einen Schock unter Architektur- und Designfreunden versetzte das verheerende Feuer Ende Mai in der Glasgow School of Art, dem Meisterwerk des begnadeten Charles Rennie Mackintosh, der Wiederaufbau wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Einige Wochen nach dem eigentlichen Feiertagsdatum bejubelte ein begeistertes Publikum die aufwändig inszenierten Feierlichkeiten zum 700. Jubiläum der erfolgreichen Schlacht von Bannockburn am neu gestalteten Besucherzentrum in Sichtweite von Stirling Castle. Der nachgestellte Sieg des Robert the Bruce über die Engländer läutete dann die heiße Phase der Wahlkampfaktivitäten zum Referendum über die angestrebte Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich ein.

Vornehmlich das YES war in Fenstern und auf Plakaten zu sehen, die konservative Einstellung wurde nicht so prominent in der Öffentlichkeit vorgetragen. Zuvor jedoch erlebte Glasgow die Commonwealth-Variante der Olympischen Spiele mit den fantastischen und aus schottisch-sportlicher Sicht höchst erfreulichen Commonwealth Games. Dabei spielte eine zweibeinige, stets freundlich dreinblickende Distel eine nicht unerhebliche Rolle. Andy Murray konnte indes seinen Vorjahrestriumph von Wimbledon nicht wiederholen.

Beinahe zeitgleich erschien der Reiseführer "Schottland - Zeit für das Beste" vom Autorenteam des SchottlandBeraters, Wilfried Klöpping und Udo Haafke, der in der Phalanx der Reiseliteratur sogleich für Aufsehen sorgte. Schließlich war der 18. September gekommen, der Tag der Abstimmung, der schon in den zurückliegenden Wochen und Monaten eine Veränderung in der Gesellschaft mit sich brachte. Diskussionen der Befürworter der Unabhängigkeit und der Gegnerschaft kulminierten in stetig ansteigender Heftigkeit, blieben jedoch überwiegend friedlich.

Erst als das Ergebnis feststand, musste die Polizei auf dem George Square in Glasgow Besiegte vor den Siegern schützen. So recht verstehen konnte niemand die eskalierende Aggressivität, da man das Ziel, den Verbleib in Großbritannien, doch erreicht hatte. Als Konsequenz aus der Niederlage trat der charismatische schottische First Minister Alex Salmond von seinem Amt zurück. Gleichwohl hat er vielleicht mehr erreicht, als wenn die Unabhängigkeit tatsächlich Realität geworden wäre. Denn London machte weitreichende Zugeständnisse, die einer Selbstständigkeit nahekommen.

Der Ryder Cup, das prestigeträchtige Golfturnier zwischen den USA und Europa, geriet unmittelbar nach der Abstimmung fast ein wenig ins mediale Abseits. Gleichwohl setzten sich die Europäer wieder einmal durch, offenbarten allerdings auch, dass es ein wenig an hochklassigem Nachwuchs aus dem Ursprungsland dieses Sports fehlt. Im Herbst dann kam mit der blendenden Rhetorikerin Nicola Sturgeon erstmals eine Frau in die Position des First Ministers, nachdem sie vorher bereits zur Chefin der SNP gewählt worden war.

Die Scottish National Party, die zuweilen fälschlicherweise auf dem Kontinent in eher negativ besetzte sozialistische oder nationalistische Ecken gedrängt wurde, konnte die Zahl ihrer Mitglieder verdreifachen und wurde zur drittstärksten Partei in ganz Großbritannien. Alex Salmond plant zwischenzeitlich den Gang zurück nach Westminster, was dem britischen Premier David Cameron schon jetzt unruhige Nächte bereiten dürfte.

Das spannende Jahr klingt aus, wie immer: in Kirkwall jagen Uppies und Doonies am ersten Weihnachtstag unter Dampfwolken des Schweißes dem Ball nach und Edinburgh strebt einmal mehr, während der Lichterglanz des Weihnachtsmarktes noch für besinnliche Momente sorgt, nach dem Titel der größten Silvesterfeier der Welt.

Rubrik
Schottland Kolumne
Artikel Info
Autor:  Udo Haafke
Datum: 29.Dezember 2014