Drei Tage - Drei Hebrideninseln

Seit meinem vierzehnten Lebensjahr hat Schottland mich fasziniert, und vor acht Jahren habe ich dann den Schritt gewagt, mein heimatliches Berlin zu verlassen und dorthin auszuwandern. Gälisch ist inzwischen meine zehnte Sprache, die keltische Sprache, die einst auch König Macbeth, bekannt geworden durch Shakespeares gleichnamiges Stück, und William Wallace sprachen (letzterer wurde in "Braveheart" von Mel Gibson gespielt, und er schreit in dem Film auch pflichtgemäß auf Gälisch "Alba gu brath" - "Scotland forever", als er auf die Engländer losstürmt). Heute sprechen nur noch ca. 60.000 Menschen Gälisch, aber die Sprache wird von der schottischen Regierung wieder gefördert. Gerade an dem Tag, an dem ich mein Studium der gälischen Sprache abschloss, eröffnete der erste gälische Fernsehsender BBC ALBA. Ich habe jetzt das Privileg, als Videojournalist in der Region Argyll tätig zu sein. Als Ein-Mann-Team mache ich Reportagen für Radio und Fernsehen vom Finden der Story, Filmen bis hin zum Schnitt.

Die Region Argyll and Bute an der Westküste hat 25 bewohnte Inseln. Eine Dienstreise ist mir bis heute in besonderer Erinnerung geblieben. Meine italo-venezolanische Frau hatte mich liebenswerterweise nach Tayvallich gebracht, einem kleinen Dorf etwa eine Stunde südlich von Oban. Von dort aus bestieg ich die Passagierfähre - ein kleines Speedboat - auf die Insel Jura. Jura hat nur ca. 180 Einwohner auf 368 km2; es existiert ein Hotel, ein Laden und eine Whiskydestillerie. Meine erste Reportage befasste sich mit besagter Passagierfähre, die erst vor kurzem ihren Betrieb aufgenommen hatte und deren Finanzierung in Zeiten knapper Kassen ungewiss war. Inzwischen scheint ihre Zukunft aber erst einmal gesichert (zumindest in den Sommermonaten). Nach einem Interview in dem Inselhauptdorf Craighouse, ein paar schnellen "shots" zwischen zwei Platzregen und einem "dram" in der Isle of Jura Destillerie ging es mit dem Bus weiter zur Fähre auf die Isle of Islay.

Bei der fünf-minütigen Uberfahrt nach Islay wird klar, warum die Meerenge ausgewählt wurde für Turbinen, die auf dem Meeresgrund Energie erzeugen sollen: Die Strömung ist so stark, dass die kleine Fähre kaum dagegen anhalten kann. Wenngleich auf Jura die gälische Sprache inzwischen ausgestorben ist (systematische Unterdrückung der Sprache und Kultur über Jahrhunderte haben Wirkung gezeigt), ist sie auf Islay noch lebendig. Von hier berichte ich über ein Projekt, bei dem von der älteren Bevölkerung Ortsnamen dokumentiert werden sollen. Wenn sie sterben, gingen diese sonst verloren. Das Projekt finde ich sehr spannend, habe ich doch selber einmal auf der Isle of Skye, wo ich damals auf das gälische College Sabhal Mòr Ostaig ging, ein ähnliches Projekt durchgeführt. Islay ist noch größer als Jura, hat 3000 Einwohner und acht Whiskydestillerien. Es ist trotzdem sehr familiär geblieben. Alle Autofahrer grüßen sich und in der Pension "Bowmore House" fühle ich mich als Freund der Familie. Einen Zimmerschlüssel bekommt man hier nicht.

Am nächsten Tag soll es mit dem Flieger zur Insel Colonsay gehen. Am Flughafen erfahre ich, dass das Einchecken nach Colonsay in einer Baracke am Ende des Flugfeldes stattfindet. Dort nehme ich alleine Platz und höre auch kurz darauf Motorenlärm. Aus einem Propellerflugzeug steigen drei Personen. Ich nehme nun an, in Kürze käme jemand um mich abzuholen, stattdessen gehen die Motoren wieder an. Nur durch wildes Gestikulieren kann ich verhindern, dass das Flugzeug ohne mich losfliegt.

Die kleine Insel Colonsay hat nur ca. 100 Einwohner, von denen einige ältere Menschen noch Gälisch sprechen. Aus dem Flugzeug fallen mir die vielen schönen Strände auf. Am Flugplatz frage ich, ob man mir ein Taxi rufen könnte, woraufhin ich nur ein Lächeln ernte: Es gäbe keines. Aber der Flugplatzangestellte meint, er schließe sowieso gleich wieder, sobald das Flugzeug wieder weg sei, und könne mich dann mitnehmen zum Colonsay Hotel, ein charmantes kleines Landhaushotel. Von hier berichte ich über ein Festival, dass dort zum ersten Mal stattfindet.

Die Rückkehr nach Oban erfolgt per Schiff. Normalerweise nehme ich immer mein Auto mit, da das das Umherkommen auf den Inseln sehr erleichtert. Eine Kollegin bucht dann die Fahrkarten für mich. Diesmal war ich ja aber zu Fuß unterwegs. Colonsay hat einen sehr langen Fähranleger. Ich laufe also mit meinen vier Gepäckstücken zur Fähre, wo ich freundlich nach meiner Fahrkarte gefragt werde. Da fällt es mir siedend heiß ein, dass ich gar keine habe, woraufhin ich einfach durchgewunken werde. Auf der drei-stündigen Rückreise nach Oban scheint ausnahmsweise die Sonne, als wir an unzähligen kleinen Hebrideninseln vorbeifahren.

Andreas Wolff
Videojournalist, Sprachenlehrer und Kolumnist

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Autor:  Andreas Wolff
Datum: 06.Februar 2012