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Aberdeen Krimi - Das Knochenband

Aberdeen, eine glitzernde "Silver City" für die einen, eine langweilige graue Maus für die anderen, besitzt als drittgrößte Stadt Schottlands kein rechtes, eigenständiges Image. Als boomende Energiehauptstadt Europas ein Begriff in den einschlägigen Wirtschaftskreisen, befindet sich die unterbewertete nordostschottische Metropole in einem spannenden Entwicklungsprozess, der auf eine nachhaltig optimierte Außenwirkung hoffen lässt, denn an touristischen Highlights fehlt es wahrlich nicht.

Der Krimi-Autor Stuart MacBride, selbst in Aberdeenshire ansässig, platziert die Geschehnisse und Geschichten seines Helden, den ambitionierten Polizisten DS Logan McRae, folgerichtig in der Stadt, die er am besten kennt: Aberdeen. Mit seinem Erstlingswerk "Cold Granite" aus dem Jahr 2005 überraschte er die internationale Welt der Kriminalliteratur und stürmte die Bestenlisten. Beinahe jedes Jahr folgte nun ein neuer Band, der mit Spannung erwartet auch gleich wieder entsprechende Furore machte und zum Bestseller wurde. Sein vorletztes Werk "Close to the Bone" liegt jetzt in der deutschen Erstausgabe, erschienen bei Goldmann, München, unter dem Titel "Das Knochenband" vor.

Vorweg: wer die vorherigen Bücher um den Protagonisten nicht kennt, dem fehlt etwas Hintergrundwissen. Das stört manchmal, ist aber für den Handlungsablauf im 600 Seiten starken Paperback grundsätzlich nicht entscheidend. MacBride versteht es meisterhaft, ein sehr komplexes, spannungsgeladenes Konstrukt aus gängigen Klischees, Milieustudien und Übernatürlichem aufzubauen und den Leser über lange Zeit komplett im Unklaren über Täter wie Opfer zu lassen. Erst ganz am Schluss wird auch der letzte fehlende Puzzlestein gefunden.

Die vielfach düstere, höchst mysteriöse Geschichte selbst ist nichts für eher zart besaitete Zeitgenossen: die Sprache ist teilweise sehr hart und rüde, ausgesprochen kernig auch unter den Kollegen, so manchen Tathergang mag man sich bildlich gar nicht erst vorstellen wollen.

Dennoch erscheint alles sehr schlüssig und folgerichtig, der Leser empfindet trotz ruppigen Umgangstons und deftiger Beschreibungen durchaus Sympathie und Mitgefühl, entwickelt sogar eine gewisse emotionale Nähe. Die wenigen Ortsbeschreibungen sind sehr präzise und erwartungsgemäß höchst kenntnisreich. Ob es jedoch schon lohnt, einen touristischen Rundgang auf den Spuren Logan McRaes durch Aberdeen anzuregen, sei dahingestellt.

Stuart MacBride, Das Knochenband, Goldmann Verlag in der Verlagsgruppe Random House, München, Paperback, 602 Seiten, EUR 9,99, ISBN 978-3-442-48194-1

Rubrik
Literatur
Artikel Info
Autor:  Udo Haafke
Datum: 09.Juni 2015