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Brexitus - Schottland in 2016

Vor nunmehr gut zwei Jahren, am 18. September 2014, sorgte das Referendum zur Unabhängigkeit Schottlands für einen massiven Schnitt in der schottischen Gesellschaft. Selbst innerhalb von Familien gab es teils erbitterte Streitigkeiten, in der Parteienlandschaft sowieso, wenngleich die Dominanz der SNP unter dem damaligen First Minister Alex Salmond erdrückend schien. Vor allem die »Yes«-Anhänger waren in der Öffentlichkeit omnipräsent, doch alles Werben und alle optimistischen Versprechungen halfen nicht – Schottland votierte mit »No« und damit für den Verbleib im Vereinigten Königreich.

Fatalerweise war ausgerechnet die Frage der Zugehörigkeit zur Europäischen Union maßgebend für diese Entscheidung. Denn Westminster lockte die Wähler mit der EU. Bei einem Austritt Schottlands würde keine automatische EU-Mitgliedschaft garantiert. Stattdessen kam auch aus Brüssel das Signal, dass man sich ganz offiziell um den Beitritt in die Gemeinschaft bewerben müsse, mit entsprechend langen Wartezeiten. Die EU-Zukunft Schottlands war also mehr als unsicher und vor diesem Hintergrund entschieden sich viele Wähler gegen die Unabhängigkeit.

Und dann der Brexit vom 23. Juni! Plötzlich gilt die alte Regel: mitgehangen, mitgefangen. Obwohl sich Schottland flächendeckend für Europa ausgesprochen hat, muss es sich dem Votum Großbritanniens beugen und, so die aktuelle Planung, die europäische Gemeinschaft verlassen. Alle damaligen Argumente wurden ad absurdum geführt – entsprechend ungehalten reagiert der Norden der britischen Insel, allen voran die Regierungschefin Nicola Sturgeon, die versucht alle Hebel in Bewegung zu setzen, um den Brexit eventuell rückgängig zu machen oder wenigstens ein erneutes Referendum über die Unabhängigkeit anzusetzen.

Das schottische Dilemma, Resultat populistischer, rechtskonservativer Agitation, bewusst eingesetzter Unwahrheiten und falscher Tatsachen, blieb letztlich jedoch nur vorübergehende Randnotiz und Ouvertüre zum amerikanischen Wahlkampf, dessen gewählter Präsident Donald J. Trump sich seinen überraschenden Erfolg mit ähnlicher Methodik und gezieltem Medieneinsatz verschaffen konnte. Da der designierte Amtsinhaber gemäß der Gesetzgebung seines Landes nicht über eigene Besitztümer in anderen Teilen der Welt verfügen darf, bleibt abzuwarten, wie er mit seinen schottischen Hotels und Golfplätzen verfahren wird. Vielleicht setzt er, dem Konventionen zuwider sind, der beharrlich den Klimawandel leugnet und sein Kabinett mit zumeist - wie er selbst - politisch ignoranten Milliardärskumpanen anhäuft und damit das ergaunerte Wählervotum zielsicher ad absurdum führt, ja auch seine Macht dazu ein, die querulanten schottischen Politiker endgültig davon zu überzeugen, dass Offshore-Windparks kompletter Blödsinn sind, zumal dann, wenn sie sich im vermeintlichen Blickfeld seriöser Golfspieler befinden. Nicht nur Schottland blickt ungewiss ins Neue Jahr.

Rubrik
Schottland Kolumne
Artikel Info
Autor:  Udo Haafke
Datum: 29.Dezember 2016